Gewerblich oder frei

… und andere Berufe
Nehmen Sie gerade am allgemeinen wirtschaftlichen Verkehr teil? Bevor Sie zu Schmunzeln beginnen sei schnell angefügt, dass dies eine der Fragen der Deutschen Industrie- und Handelskammern bei den Unterscheidungskriterien von gewerblicher Tätigkeit zur Freiberuflichkeit ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit können Sie nicht so eindeutig klären, ob die Honorarüberweisungen, die Sie hoffentlich in Zukunft sehr oft erreichen, dieses Kriterium erfüllen, oder nicht.
Die Gewerbeanmeldung ist schön preiswert und die Finanzämter raten bei fehlender Eindeutigkeit in ihren Feststellungen gerne zur Gewerblichkeit. „Dann ist es ja wohl auch egal“, mag der eine oder andere Webdesigner, Grafiker, Fotograf, Texter oder Gründer mit eigenen Online-Shop feststellen. Die Liste der Berufe lässt sich unendlich verlängern. Selbst der vielen Gründern so vertraute „freie Mitarbeiter“ kann je nach beruflichem Engagement gewerblich oder freiberuflich tätig sein.
Was im § 18 des Einkommensteuergesetzes aufgeführt ist, kann nur sehr wenige der aktuell immer häufiger gestellten Fragen beantworten. „… und andere Berufe“ zählt dieser Paragraf in seinem Absatz 1 auf. Vor allem die Digitalisierung sorgt bei den Kreativen stets dafür, dass neue Berufe entstehen und alte mit zeitgemäßen Rahmenbedingungen versehen werden. Diese Unterschiede können es in sich haben: Bei der Gewerbesteuer und der Mitgliedschaft in der IHK, bei der kaufmännischen Buchführung oder der Mitgliedschaft in der Berufsgenossenschaft.
So entscheidet bei Künstlern und Autoren diese Einordnung beispielsweise darüber, ob sie Ihre Sozialversicherung über die Künstlersozialkasse regeln können, oder nicht. Bei einem Monatsgewinn von 2.500 Euro macht das rund 500 Euro mehr oder weniger in der Kasse aus!
Das Beispiel:
Der Allroundbeispielkünstler schreibt Bücher, die er ohne Verlag drucken lässt. Er gibt diese Bücher auch als eBooks heraus und weil er hin und wieder sehr nachgefragte Heimatansichten malt und auch fotografiert, verkauft er all diese Produkte an den örtlichen Einzelhandel sowie in einem eigenen Online-Shop, den er „Gemischtwarenladen“ nennt. Und damit dieser Shop noch mehr Einnahmen produziert, hat er darauf Werbung geschaltet, die ordentliche Gewinne verheißt.
Ist dieser Allrounder gewerblich oder freiberuflich tätig? Ganz klar! Er ist ein astreiner Freiberufler. Und dies obwohl er „mit Produkten handelt“, was in beinahe allen Fällen das wichtigste Ausschlussargument für die Freiberuflichkeit darstellt.
Unser Allroundbeispielkünstler verfügt bei seinen „Produkten“ über sämtliche Urheberrechte. Die stellen sein geistiges Eigentum dar. Das ist der klassische „Selbstverlag“, den der Freiberufler betreiben darf!
Er spart sich mit der Freiberuflichkeit etliche Kosten und manchen Aufwand, muss nicht in die IHK, keine Finanzbuchhaltung vorlegen und kann – das Wichtigste – in die Künstlersozialkasse, was seinen Aufwand für die Sozialversicherung mindestens halbiert!
Grundlegend gilt: Wer nicht vom Finanzamt als Freiberufler anerkannt wird ist (steuerlich) automatisch gewerblich tätig. Deutlich zu erkennen ist dies unter anderem auf dem Einkommensteuerbescheid, auf dem gleich auf der ersten Seite zwischen „Gesamteinkünfte aus gewerblicher, abhängiger oder selbstständiger Tätigkeit“ unterschieden wird. Wenn die Finanzbehörden eine „selbstständige“ Tätigkeit feststellen, meinen sie die Freiberuflichkeit.
Alle journalistischen, schriftstellerischen, künstlerischen, wissenschaftlichen, unterrichtenden oder erzieherischen Tätigkeiten, die selbstständig ausgeführt werden, gehören in die Kategorie Freiberuflichkeit. Doch im Einzelfall kann eine individuelle Beratung dabei sehr helfen.
Ein typisches weiteres Beispiel:
Wenn Journalisten zu wenig Geld verdienen beschließen sie sehr oft, „PR“ zu machen. Was genau dies ist, wissen sie nach meiner Erfahrung aber eher selten. Wenn es PR-Beratung ist – und kein Hochschulabschluss in Sachen PR vorliegt – wechseln diese Journalisten gerade – ohne es zu wissen und zu erkennen – in die Gewerblichkeit. Und wenn dieser Wechsel bei der nächsten Sozialversicherungsprüfung der Auftraggeber deutlich wird, könnte schon mal eine 20.000 Euro-Rechnung von der KSK drohen.
Also: Bei jedem „freiberuflichen“ Auftrag erst einmal prüfen, ob dabei Nutzungsrechte an ein Medium übertragen werden!
Ein drittes Beispiel: Der Musiker erhält auf seinem Konto die komplette Gage der letzten Gigs und kassiert den Zuschlag für die Bereitstellung der Moderationsmikros für die Veranstaltung. Juristisch ist dies das Makeln mit Dienstleistungen – eine eindeutig gewerbliche Tätigkeit wie alle anderen Vermittlungstätigkeiten auch!
Sehr „unterhaltsam“ können auch die Trennungskriterien bei Softwareentwicklern oder IT-Beratern sein. Dies sind nämlich nach der Rechtsprechung eindeutige Freiberufler. Es sei denn, sie entwickeln Systemsoftware. Das könnte dann nämlich zur Gewerblichkeit führen. Nicht aber beim Autodidakten, wenn seine Kenntnisse denen eines IT-Ingenieurs vergleichbar sind. Angemerkt sei hier, dass für den Begriff „App“ im Steuerrecht oft die Einordnung als „Trivialsoftware“ genutzt wird.
Das vierte Beispiel: Neben seiner Tätigkeit als freiberuflicher Journalist organisiert Musterfrei in seiner Stadt auch Musikkonzerte. Die Veranstaltungsorganisation ist eine klare gewerbliche Tätigkeit. Ist deshalb auch die Freiberuflichkeit von Musterfrei gefährdet? Nein, denn diese Gefahr besteht erst dann, wenn die freiberufliche Arbeit und die gewerbliche Tätigkeit inhaltlich nicht klar voneinander gerennt sind. Journalismus und Konzertorganisation sind weit voneinander entfernt. Bei Journalismus und der Herstellung von Werbebroschüren über die Konzerte könnte da schon eine deutlich größere Nähe erkannt werden.
Hier und da hilft ganz sicher gute Beratung.